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Träumen Sie von Aliens?
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Interview mit Sigourney Weaver Träumen Sie von Aliens?

Die belesene Sigourney Weaver könnte glatt als Literaturprofessorin durchgehen. Dabei ist die 67-Jährige als Raumfahrerin im verschwitzten Unterhemd berühmt geworden. Mit Stefan Stosch sprach sie über Abenteuer im All, Monster auf Erden und ihre Vorreiterrolle für Kolleginnen.

Expertin für Literatur – und für nicht menschliche Lebensformen: Sigourney Weaver spielt in fantastischen Filmen und hat das Action-Gerne um die weibliche Perspektive bereichert.

Quelle: EPA

Berlin.  

Frau Weaver, haben Ihre Schauspiellehrer Ihnen in jungen Jahren wirklich gesagt, Sie hätten kein Talent?

Sie haben sogar hinzugefügt, dass ich im Leben nichts erreichen würde.

Wie haben Sie diese wenig erbaulichen Zukunftsaussichten aufgenommen?

Ich war damals sehr jung und dachte: Meine Güte, das sind Lehrer, die haben bestimmt recht. Gleichzeitig wusste ich, dass sie sich bis zu einem gewissen Grad irren müssen. Ich spielte damals an einem Amateurtheater: immerhin sechs Rollen in drei Monaten! Später wurden die Lehrer übrigens gefeuert.

Wollten Sie partout Schauspielerin werden?

Nein, ich wollte schreiben, vielleicht sogar Journalistin werden. Ich habe ja auch Englische Literatur studiert.

Und zwar nicht irgendwo, sondern in Stanford.

Vielleicht finde ich irgendwann den Weg zurück zum Schreiben. Kennen Sie das Gefühl: Man hat das eine getan und denkt sich, jetzt sollte man vielleicht damit beginnen, was man früher immer schon tun wollte?

Meist ändert man dann aber doch nichts, oder? So leicht war Ihr Weg in Kino nicht: Ihr erster Auftritt dauerte 1977 in Woody Allens “Stadtneurotiker“ genau sechs Sekunden.

Allen hatte mir einen viel größeren Part angeboten. Diese Rolle musste ich ablehnen, weil ich zeitgleich in einem Theaterstück auftrat.

Zwei Jahre später wurden Sie zur
Kinoikone als erster echter weiblicher Actionheld in “Alien“. Wie kamen Sie an diese Rolle?

Regisseur Ridley Scott machte Probeaufnahmen mit mir. Ich war die einzige Bewerberin, die dieses Prozedere durchlaufen musste. Es gab damals offenbar viele bekannte Schauspielerinnen, die den Part haben wollten. Ridley musste gegenüber den Produzenten für mich kämpfen.

Wie haben Sie ihn überzeugt?

Das war gar nicht so schmeichelhaft. Er argumentierte: Wenn wir einen weiblichen Star nehmen, und dieser überlebt, dann sind die Kinozuschauer nicht wirklich überrascht. Es hatte also gar nicht so viel mit den Probeaufnahmen zu tun, dass ich im verschwitzten Unterhemd gegen Aliens kämpfen durfte.

Na ja, Sie waren schon ziemlich beeindruckend.

Der Witz war: Ich konnte damals mit Science-Fiction nicht viel anfangen. Ich war aber fasziniert vom Design des Films. Ich wusste, Ridley würde etwas auf die Leinwand bringen, was noch niemand so gesehen hatte. Natürlich hatte ich keine Ahnung, welche Wirkung “Alien“ tatsächlich haben sollte.

Hinterher haben Sie sich gewiss vor Angeboten als Unterwäschemodel kaum retten können.

So eine Karriere hätte ich nie in Erwägung gezogen. Ich habe nie als Model gearbeitet – außer mal kurz als 17-Jährige. Für die “Alien“-Rolle musste ich allerdings eine ganze Menge Unterwäsche anprobieren.

Haben Sie mit Ihrer Rolle als Officer Ellen Ripley Frauen die Tür ins Actionfach aufgestoßen?

In der Literatur hat es immer große Heldinnen gegeben. Es war klar, dass das auch im Kino irgendwann passieren würde. Aber es macht mich schon stolz, dass ich bei dieser Entwicklung mitgeholfen habe.

Sind die Rollen für Frauen in Hollywood heute so viel besser geworden? Oder erleben wir womöglich gar einen Rollback? Ich denke da an die seltsame Debatte über weibliche Heldinnen im “Ghostbusters“-Film vor ein paar Monaten, in dem Sie ja auch einen Auftritt hatten.

Das war absurd! Ich habe gar nicht verstanden, was die Kritiker antrieb: Wollten sie wirklich behaupten, dass Frauen im Actionfach nicht lustig sein können? Männer mit solchen Ideen tun mir leid. Sie leben wohl mit den falschen Frauen zusammen. Die Kinoindustrie muss Frauen Raum geben, egal welcher Irrsinn im Internet diskutiert wird!

Träumen Sie nach all Ihren “Alien“-Filmen von Aliens, die aus Ihrem Körper kriechen?

Glücklicherweise nicht, aber danke für die Idee. Träumen Sie denn von Aliens?

Nur wenn ich von Ihren Filmen träume.

Die Wahrheit ist: Der einzige Traum mit Aliens, den ich je hatte, spielte auf einem Kreuzfahrtschiff – dabei war ich nie auf einem Kreuzfahrtschiff!

Was passiert in dem Traum?

Ein Alien ist an Bord des Schiffes, ich verstecke mich unter einem Liegestuhl. Das ist ein bisschen feige, aber in dem Traum bin ich nun mal Sigourney Weaver und nicht Ellen

Ripley.

Demnächst bekommen Sie es mit freundlichen Außerirdischen zu tun. James Cameron dreht vier “Avatar“-Filme am Stück. Sind Sie bereit für diesen Wahnsinnstrip?

Ich glaube, dass diese Filme noch bemerkenswerter werden als der erste – und ich habe eine tolle Rolle.

Wie das? Sie sind doch im ersten “Avatar“-Film gestorben.

Wie James Cameron zu sagen pflegt: In Science-Fiction-Filmen wird niemand wirklich umgebracht. Außerdem kann man demselben Schauspieler ja auch eine andere Rolle geben. Mehr darf ich aber wirklich nicht verraten.

Ganz aktuell begegnen wir Ihnen im Kino in einer noch anderen Fantasywelt, in “Sieben Minuten nach Mitternacht“. Der Film erzählt von einem Jungen und einem Monster. Was kann ein Kind aus dieser Literaturverfilmung mitnehmen?

Für mich ist das ein Familienfilm. Die Idee zu der Buchvorlage hatte die britische Autorin Siobhan Dowd, eine Frau, die an Krebs erkrankt war und wollte, dass ihr Sohn eine tröstliche Geschichte liest. So ein Film kann Kindern helfen: Beinahe jede Familie ist irgendwann von Krankheit und Tod betroffen. In diesem Fall muss ein Junge lernen, damit klarzukommen, dass er seine Mutter verliert.

Wie stehen Sie persönlich zu Monstern?

Da fallen mir zuerst Monster in der Politik ein. Vor Leuten wie Donald Trump habe ich aber keine Angst, genauso wenig habe ich Respekt für sie übrig. Unser Land geht durch eine schwierige Zeit. Da wünscht man sich eine Angela Merkel, wie Sie sie haben – eine kluge, geistig gesunde, beharrliche Anführerin.

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, in die Politik zu gehen? Der Wechsel von Hollywood ins Weiße Haus ist ja nicht unüblich.

Ich bin in der Schauspielerei sicher besser aufgehoben als in der Politik. Ein Politiker hat so ziemlich den härtesten Job, den ich mir vorstellen kann. Politiker müssen zwar auch Schauspieler sein. Aber es besteht die Hoffnung, dass sie eine aufrichtige Haltung und eine Vision antreibt.

Sie sind 1,83 Meter groß: Hat sich schon mal ein männlicher Schauspieler geweigert, an Ihrer Seite zu spielen?

Ich bin mir sicher, dass es da einige gab. Aber ich kennen keine Namen. Mel Gibson war der Einzige, der etwas kleiner als ich ist und damit absolut selbstsicher umging.

Hat sich mal jemand auf eine Apfelsinenkiste stellen müssen, um Ihnen in die Augen zu schauen?

Ich glaube, der arme Mel musste bei unserem Film “Ein Jahr in der Hölle“ tatsächlich auf eine Kiste. Aber er fand das lustig. Heute ist der Größenunterschied nicht mehr so wichtig. Schauen Sie sich die Sportlerinnen im Fernsehen an: Frauen werden immer größer und beeindruckender. Es kommt der Tag, da bin ich vergleichsweise ein Wicht.

Zur Person: Sigourney Weaver

Der Film “Alien 5“ ist schon lange in Planung. Irgendwann wird sich Sigourney Weaver noch einmal ins All aufmachen und gegen die schleimigen Viecher antreten. 1979 begründete die Schauspielerin als Officer Ellen Ripley in “Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ ihren Ruhm als Weltraumheroine und revolutionierte gleichzeitig das Actiongenre: Sie ergänzte es um die weibliche Perspektive, die bis dahin in dieser Männerdomäne keinen Platz zu haben schien.

Endlich stand eine Heldin bereit, die nicht in Tränenkrämpfe ausbrach und sich von einem Mann retten ließ, wenn es wirklich gefährlich wurde. Ganz pragmatisch räumte Officer Ripley mit dem gefräßigen Parasiten auf und katapultierte ihn kurzerhand ins Weltall. So eine Kämpferin im weißen Unterhemd hatte das Kino bis dahin noch nicht gesehen.

Drei weitere “Alien“-Filme folgten, einen fünften hatte Weaver lange abgelehnt. Dann jedoch kreuzte der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp ihren Weg. Ihn kannte Weaver schon aus dem gemeinsamen Science-Fiction-Film “Chappie“, in dem sie es mit Robotern zu tun bekam. Noch einmal packte die US-Darstellerin die Lust aufs Abenteuer in weit entfernten Galaxien. Regisseur Ridley Scott zieht derweil mit „Alien: Covenant“, einer Vorgeschichte zu seiner Saga, eigene Bahnen im Weltraum.

Im Laufe ihrer Karriere hat sich die inzwischen 67-jährige New Yorkerin gewissermaßen zu einer Spezialistin für nicht menschliche Lebensformen entwickelt. Da ist ja auch noch ihre aufregende Reise auf den fernen Mond Pandora in James Camerons Sensationserfolg “Avatar“. Weaver spielte darin die Botanikerin Grace Augustine, die sich den blauhäutigen Ureinwohnern verbunden fühlt und sie vor der Ausbeutung beschützen möchte. Auch für die inzwischen angekündigten vier weiteren Filme ist die Schauspielerin gebucht.

Weavers Eltern – der Vater war Präsident des US-Netzwerksenders NBC, die Mutter Elizabeth Inglis eine britische Schauspielerin – hatten ursprünglich ganz andere Pläne für ihr begabtes Kind. Zunächst studierte die Tochter Englische Literatur an der Eliteuniversität Stanford. Dann gelang ihr der Sprung an die Yale School of Drama – und dort traf sie auf eine Mitstudentin, deren Namen heute ebenfalls Kinogängern geläufig ist: Meryl Streep.

Der Beginn am Broadway war hart für Weaver, viele Theatermacher wussten nichts mit einer 1,83 Meter großen Schauspielerin anzufangen, die schon rein physisch alle anderen überragte – besonders die Männer. Dann aber entwickelte sich Weaver zu einer der wichtigsten Darstellerinnen im neueren US-Kino. Sie spielte bevorzugt eigenwillige Frauen – passend für eine wie sie, die sich schon als 14-Jährige in Sigourney nach der Nebenfigur Mrs. Sigourney Howard aus F. Scott Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“ umbenannt hatte. Ihr Geburtsname Susan schien ihr zu püppchenhaft.

Als Primatenforscherin Diane Fossey in “Gorillas im Nebel“ zog Weaver in den Dschungel und kämpfte für die Gorillas in Ruanda. Im Thriller “Copykill“ machte Weaver Jagd auf einen Serienkiller. Im Kolumbus-Film “1492“ war sie als spanische Königin zu sehen. Viel Lob gab es auch für ihren Auftritt als frustrierte Ehefrau in Ang Lees Siebziger-Jahre-Porträt “Eissturm“.

Ganz aktuell spielt Sigourney Weaver in dem Familien-Fantasyfilm “Sieben Minuten nach Mitternacht“ eine strenge Großmutter, die alle Kraft zusammennimmt, um ihrem Enkel den Abschied von der todkranken Mutter zu erleichtern.

Von Stefan Stosch

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