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Winzer Matthias Schuh zündet Frostschutzfeuer in seinem Weinberg
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Gegen das Erfrieren Winzer Matthias Schuh zündet Frostschutzfeuer in seinem Weinberg

Weinbautechniker Matthias Schuh gibt sich der Natur so schnell nicht geschlagen. Schon die zweite Nacht in Folge hat er kleine Feuerchen im Meißner Klausenberg entfacht, um vor allem den besonders weit ausgetriebenen Dunkelfelder vor Frostschäden zu bewahren.

Winzer Matthias Schuh zündet Frostschutzfeuer in seinem Weinberg
 

Quelle: Anja Schneider

Meissen/Coswig. Die Atmosphäre wirkt bizarr: Im Morgengrauen zwitschern die Vögel, während in den Rebzeilen noch die kleinen Holzfeuerchen aus der eisigen Nacht knistern. Zum Sonnenaufgang hin fällt das Quecksilber nochmals. Die zarten Blättchen an den Reben scheinen zu zittern. Tatsächlich flackert nur das Licht der Flammen. Weinbautechniker Matthias Schuh gibt sich der Natur so schnell nicht geschlagen. Schon die zweite Nacht in Folge hat er kleine Feuerchen im Meißner Klausenberg entfacht, um vor allem den besonders weit ausgetriebenen Dunkelfelder, den nur er in Sachsen zu einem körperreichen und tiefroten Wein ausbaut, vor Frostschäden zu bewahren.

Winzer Matthias Schuh hat zum ersten Mal Frostschutzfeuer in seinem Weinberg angezündet. 100 Feuerstellen sollen dafür sorgen, dass der Nachtfrost die kostbaren Reben nicht zerstört.

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Der gestandenen Winzer ist hart im Nehmen und einiges gewöhnt: Hagelschlag steckt er ebenso weg wie die Attacken der Kirschessigfliegen auf seine Trauben oder eben jetzt die Frühjahrsfröste. Feuer im Weinberg sind allerdings im Weingut Schuh eine Premiere. Um 2 Uhr in der Nacht hat er die 100 Feuerstellen zwischen den Rebzeilen in der Steillage angezündet, die der Familienbetrieb alleine bewirtschaftet. Um diese Uhrzeit hatte das Quecksilber die Null-Grad-Marke erreicht.

Mit Kopfleuchte über der Mütze ausgestattet ist Schuh gemeinsam mit Helferin Ulrike Müller ständig in der Steillage unterwegs, um Holzbriketts nachzulegen. Manche davon kullern den Berg hinunter, wenn eine Feuerstelle in sich zusammenfällt. Kein Feuer soll ausgehen, hat Schuh als Devise ausgegeben. Etwa zwei Grad Temperaturerhöhung können die Flammen bringen und damit die Rebknospen vor dem Erfrieren retten. Allzu tief darf das Quecksilber also nicht fallen. Halb Vier dampft der 29-Jährige in seinem Wollpullover förmlich. Der Rauch, der in niedriger Höhe über den Weinberg wabert, brennt in den Augen.

Winzer Schuh, der eigentlich leidenschaftlich gerne über seine Arbeit berichtet, hat am frühen Morgen keine Zeit zum Reden. So romantisch wie die Feuerstellen im Weinberg auch aussehen mögen, mit Entspannung hat der eher ungewöhnliche Frostschutz rein gar nichts zu tun. Es geht darum, die wirtschaftlichen Folgen durch möglichen Totalausfall kompletter Rebsorte zu verhindern. Dabei kommt der Winzer ordentlich ins Schwitzen – und das bei inzwischen anderthalb Grad unter Null. Windböen aus West treiben Wolkenfetzen vor dem bleichen Mond am Morgenhimmel vorbei. Der Erdboden beginnt zu frieren.

Romantisches Flair, aber harte Arbeit

Kurz nach 6 Uhr lässt Schuh die Feuer ausgehen, die Restwärme reicht jetzt. Der Winzer kann nach Stunden endlich durchatmen. „Ich gehe davon aus, dass wir wohl haarscharf an größeren Schäden vorbeigeschrammt sind“, sagt Schuh und hofft, dass er nicht noch eine Nacht im Weinberg einheizen muss. Rund 600 Euro habe er in die Aktion investiert. „Ich bin zuversichtlich, dass sich der Aufwand gelohnt hat.“ Die Holzbriketts hätten sich bewährt und sind preiswerter als spezielle Frostschutzkerzen, die leicht mehrere Tausende Euro pro Hektar kosten können.

Auch im Weingut Matyas brennen am Donnerstagfrüh seit 3 Uhr Holzfeuer rund um die Rebflächen in Coswig. Seniorchefin Ingeborg Probocskai behält das Thermometer kritisch im Blick, während Geschäftsführerin Andrea Leder im Transporter altes Rebholz für die Feuer bringt. Vor einigen Jahren habe man mit der Methode Erfolg gehabt und Frostschäden verhindert, sagen sie.

Das Staatsweingut Schloss Wackerbarth, das mit 200 kleinen Feuern immerhin 19 seiner 104 Hektar vor Schäden zu bewahren versucht, gibt sich bisher „vorsichtig optimistisch“. Ein Unternehmenssprecher erklärte: „Der Gesamterfolg der Maßnahmen wird erst in drei bis vier Wochen – nach dem vollständigen Austrieb der Reben – erkennbar sein.“
Derzeit seien die Außenbetriebsmitarbeiter in den Frostnächten noch voll gefordert.

Im Weingut Schloss Proschwitz mit aktuell 80 Hektar Ertragsrebfläche wartet man unterdessen ab – wenn auch angespannt. Unternehmenssprecherin Alexandra Prinzessin zur Lippe sagte, Feuer seien bei der Menge der Rebflächen nicht praktikabel. Die Außenbetriebsmitarbeiter hätten den Vegetationsfortschritt aber genau geprüft und seien zuversichtlich, dass die noch kleinen Knospen die tiefen Temperaturen überstehen können. Lediglich auf einer Steillage in Seußlitz könne es kritisch werden. „Vielleicht wird es ja nicht so schlimm, wie befürchtet“, so die Sprecherin.

„Strohfeuer“ in den Weinbergen?

Der Kellermeister im Weingut Jan Ulrich, Winzer Ronny Koch, spricht von „Strohfeuern“ in den Weinbergen. Außer Ärger mit der Nachbarschaft wegen des Rauchs würden diese wenig bringen, glaubt Koch, der auch eigene Rebflächen bewirtschaftet. „Bei Naturgewalten mit bis zu drei Minusgraden über drei Nächte hinweg helfen keine Feuerchen“, ist er im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen überzeugt.

Vorschläge, die bei Twitter kursierten, die Winzer könnten doch bereits gebogene Reben wieder losbinden und aufrecht stellen beziehungsweise hochbinden, um gegen Bodenfröste zu schützen, sorgt bei den Weinbaufachleuten allenfalls für Kopfschütteln. Das sei gar nicht praktikabel, alle Knospen würden dann nämlich abbrechen, hieß es übereinstimmend. Zugleich wäre es zeitlich gar nicht zu schaffen. Allerdings lassen vorsichtige Weinbauern gelegentlich bis nach den Eisheiligen noch Frostruten stehen und können diese im Bedarfsfall biegen, wenn die eigentliche Fruchtrute erfroren sein sollte. Wird die Ersatzrute nicht benötigt, wird sie abgeschnitten. Das bedeutet aber zugleich, dass die Winzer noch einmal öfter durch die Rebzeilen gehen müssen, was Zeit und Geld kostet.

Von Lisa-Marie Leuteritz

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