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Armin Petras inszeniert „Der Scheiterhaufen“ in Dresdens Kleinem Haus
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Interview Armin Petras inszeniert „Der Scheiterhaufen“ in Dresdens Kleinem Haus

Derzeit wird im Probenzentrum im Industriegelände für „Der Scheiterhaufen“ von Armin Petras geprobt. Die DNN trafen den Regisseur dort vor der Uraufführung zum Gespräch.

Armin Petras

Quelle: dpa

Dresden. Drei Damendoppel – deutsch, ungarisch, rumänisch – werden sich, um György Dragománs „Scheiterhaufen“ im Bühnenbild von Olaf Altmann auf Eiswürfeln spielend – zusammenfinden, um dann einzeln nacheinander im Kleinen Haus, im Nationaltheater Sibiu, dem Budapester Vig-Theater und dem Schauspiel Stuttgart Premiere zu feiern.

Derzeit proben sie miteinander in Dresden im schicken Probenzentrum im Industriegelände – unter Dreifachregie von Armin Petras, noch bis 2018 Intendant des Stuttgarter Staatsschauspieles, der selbst auch die Romanadaption lieferte. Dort unterhielt sich für die Dresdner Neuesten Nachrichten kurz vor der Uraufführung Andreas Herrmann mit ihm – auch über den abwesenden Fritz Kater.

Frage: Ist Dresden als Bühnenpflaster etwas Besonderes für Sie?

Armin Petras: Durchaus, ich inszeniere zum vierten Mal hier – alle drei vorherigen Arbeiten waren Kooperationen von Staatsschauspiel und dem Maxim-Gorki-Theater. In meinem jetzigen Haus in Stuttgart läuft noch immer nach 130 Vorstellungen – „Der Besuch der alten Dame“ nach Dürrenmatt. Außerdem hab ich hier „Erdbeben in Chile“ nach einer Kleist-Novelle und Brechts Galileo Galilei inszeniert.

Zuvor waren Sie doch schon mal hier im Kleinen Haus zur Premiere von „Sterne über Mansfeld“?

Nee, da war ich nicht da! Ich habe in Leipzig die Uraufführung inszeniert, aber in Dresden war ich nicht. Aber ich habe noch die Romanadaption von Tellkamps „Turm“ für Wolfgang Engel geliefert – da war ich auch zur Premiere hier.

Nun arbeiten Sie wieder an einer Romanadaption für Dresden: György Dragománs „Der Scheiterhaufen“ kommt sowohl in Ihrer Bearbeitung als auch in ihrer Regie zur Premiere. Wie machen Sie das: Romane in Dramen zu transferieren?

Ich nenne das Umformatieren – also aus einer Kunstform in eine andere übertragen. Hier von einer epischen in eine dramatische. Einfach nur die Dialoge rausschreiben – so eine weitverbreitete Milchmädchenrechnung – funktioniert überhaupt nicht. Die Frage ist: Was ist in dem Roman so zentral, dass es die Handlung trägt?

Beobachten Sie anwesende Originalautoren anhand der Reaktionen bei ihren Premieren derer Werke?

Nein, ich unterhalte mich nachher mit Ihnen.

Warum denn nicht direkt?

Weil ich nicht da bin. Ich kann mir meine Premieren nicht angucken – ich bin in der nächsten Kneipe.

Kneipe oder Kantine?

Das kommt darauf an.

Zum Applaus sind Sie aber pünktlich zurück?

Das schaffe ich fast immer. Zweimal habe ich es nicht geschafft – da haben die Schauspieler zu schnell gespielt.

Und dann?

War der Applaus vorbei und es gab Ärger, vor allem in der Presse. Da wurde mit vorgeworfen, dass ich nicht zur Inszenierung stehe.

Das ist doch Quatsch, oder?

Absoluter Quatsch! Aber Sie kennen ja die Kollegen – irgendwas muss man sich ja ausdenken.

In Dresden waren sie aber bislang pünktlich zurück?

Immer.

Wissen Sie schon, wo sie am 22. April ab 19.30 Uhr sein werden?

Nein, noch nicht – ein bisschen Improvisation tut immer gut. Und wenn, würde ich es auch nicht verraten.

Vielleicht im Bautzner Tor?

Mal sehen – keine schlechte Idee.

Wie proben Sie?

Wir proben mit sechs Schauspielerinnen, aber in jedem Land spielen dann nur zwei! In Dresden, Hermannstadt, Budapest und Stuttgart. Es ist ein ziemlich dickes Textbuch – in vier Sprachen – und wir tauschen auch mal untereinander. Erst in der letzten Woche werde ich nur noch mit den beiden deutschen Spielerinnen üben – für den endgültigen Feinschliff.

Vier Sprachen?

Englisch – als unsere Arbeitssprache. Nur so kann ich folgen. Es sind aber überwiegend Dialoge, meist sehr schnelle, damit ich auch an Gestik, Mimik, Haptik sehe, wo sie gerade sind. Bei Monologen wird das schwierig. Es ist aber auch das erste Jugendstück, was ich in meinem Leben überhaupt mache. Zuvor habe ich nur ein einziges Kinderstück gemacht – und viele für Erwachsene.

Wann haben Sie denn gespürt, dass in Ihnen auch ein Autor wohnt?

Das ist eine lustige Geschichte: Ich war 1993 Regisseur in Frankfurt/Oder am Kleist-Theater, das es heute leider nicht mehr gibt. Da haben mir Zuschauer gesagt: „Bevor Sie diese Stücke zertrümmern, schreiben Sie doch Ihre eigenen Stücke!“ Das hat mich getroffen, denn vielleicht haben sie das Recht, die Stücke, zumindest die Klassiker, so zu sehen, wie sie sie sehen wollen. Das habe ich dann beherzigt und es versucht.

Anfangs war das gut getarnt – der normale Zuschauer wusste lange nicht, wer Fritz Kater ist…

Ach, ich weiß auch nicht wirklich, wer Fritz Kater ist. Bist jetzt ist es so – toitoitoi (dreimal Tischklopfen) – dass sich einmal im Jahr ein Stück von ihm in meinem Briefkasten findet.

Kann man mit ihm reden?

Man kann ihm Mails über den Verlag schicken, dann reagiert er auch.

Wie ist denn das Verhältnis zu ihm – vielleicht ähnlich wie bei Faust und Mephisto?

Jo, das wäre ein schönes Bild. Aber Fritz Kater schreibt völlig unabhängig vom Regisseur Armin Petras. Dem ist völlig egal, ob und wer das irgendwann mal spielt. Er gönnt sich hundertprozentige Unabhängigkeit vom Theatersystem. Er übernimmt auch keinerlei Aufträge – seine Stücke erscheinen einfach und werden im besten Falle ein bisschen erfolgreich.

Sie haben die deutsche Theaterlandschaft in den vergangenen 25 Jahren mitgeprägt, aber garantiert auch ganz genau beobachtet. Welche Tendenzen finden Sie gut, welche halten Sie für obsolet bis gefährlich?

Ich tue mich da wirklich schwer mit Bewertungen in Gutes oder Schlechtes. Es sind ja immer Entwicklungen, die meist nicht von persönlichen Entscheidungen abhängen. Ich würde da Marx zitieren: Das Sein schafft das Bewusstsein. Also die Gesellschaft entwickelt sich in bestimmte Richtungen, es passiert dann relativ automatisch, dass das Theater dann auch Tendenzen in diese Richtung entwickelt. Es muss natürlich aber auch die Kraft haben, sich dagegen zu wehren. Das würde ich am ehesten vermissen: Den Widerstand oder den Widerspruch zur herrschenden Tendenz.

Woran mag das liegen?

Ich weiß es nicht. Offenbar fehlt das Interesse. Vielleicht hat Theater auch an Strahlkraft verloren? Vielleicht liegt es auch an Personen, also weil Menschen wie Christoph Schlingensief oder Pina Bausch nicht mehr da sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass heute sehr junge Regisseure zum Theatertreffen kommen und dann äußerst erfolgreich sind – und nicht länger irgendwo dagegen knallen müssen. Aber so ist die Entwicklung: Ich bin ja gern im Osten, wenn auch nicht so oft in Dresden. Aber mittlerweile ist ja hier selbst in der Neustadt viel schicker als an vielen Stellen in Stuttgart. Das hat man vor zehn bis 15 Jahren nicht glauben wollen.

Sie gelten ja als sehr aktiv und haben früher teilweise sogar zwei Inszenierungen gleichzeitig gestemmt …

Das mache ich nicht mehr. Da lebt man eher wie auf Droge – im Sinne von Einar Schleef, der Droge als Voraussetzung für Kunst sah. Egal welche: Überforderung, Sport oder Alkohol, chemisches Zeug oder auch Liebe – also einfach zu viel von einer Sorte. Früher habe ich bis zu acht Inszenierungen pro Jahr gemacht, jetzt mache ich drei bis vier.

Ihr Vorgänger, der Dresdner Hasko Weber ging von Stuttgart nach Weimar …

Das mag auf dem Papier kein Karrieresprung sein, aber ich glaube, das passt sehr gut. Hasko ist vom Herzen her noch mehr Ostler als ich und hat dort viel erreicht. Ich schätze ihn als politisch denkender Künstler.

Hätte Sie denn Dresden als Schulz-Nachfolger gereizt?

Auf jeden Fall. Aber man hat mich nicht gefragt. Aber keine Bange: Es kommt ein guter und erfolgreicher Mann.

Sie probten in Dresden mit drei Damendoppeln aus drei verschiedenen Theaterkulturen. Bemerkt man da Unterschiede?

Das ist unglaublich: Sie arbeiten komplett anders! Identische Texte werden völlig unterschiedlich umgesetzt, es kommt etwas total unterschiedliches raus. Das hat mit Gestik, Temperament und auch Theatererfahrungen zu tun. Bei den Ungarinnen ist immer alles lustig, während bei den Rumäninnen stets ein Schuss Härte mitspielt.

Dies zu nivellieren wäre ja Quatsch – sie bekommen also drei völlig unterschiedliche Inszenierungen?

Richtig! Sie sind nicht völlig verschieden, aber es gibt manchmal sogar völlig andere Lösungen für die gleiche Szene. Das macht wirklich Spaß. Da sitzen hier vier Mädels bei den Proben ihres eigenen Stückes, schauen den anderen beiden zu – und fragen sich: Was spielen die gerade?

Die Uraufführung am Sonnabend im Kleinen Haus 2 ist ausverkauft, Karten gibt es derzeit noch für die folgenden Vorstellungen am 23. April, 4., 5., 12. & 25. Mai.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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